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Erschöpfung fühlt sich nach zu viel an. Es ist nicht immer die Menge.

  • 27. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Die dritte Reorganisation in wenigen Jahren. Neue Struktur, neue Zuständigkeiten, teilweise dieselben Aufgaben unter anderem Namen. Man richtet sich ein, liefert weiter, und irgendwann ist da ein Gewicht, das morgens schon vor dem ersten Termin da ist. Der Schlaf wird unruhiger. Und der erste Gedanke ist fast immer derselbe: Ich brauche eine Pause.


Erschöpfung ist keine Fehlfunktion


Sie ist zunächst eine sinnvolle Rückmeldung. Sie zeigt an, dass über längere Zeit mehr aufgewendet wurde, als nachgekommen ist, und sie erzwingt eine Unterbrechung — meist zuverlässiger, als Einsicht das täte. Dass sie sich unangenehm anfühlt, gehört dazu. Eine Rückmeldung, die sich mühelos übergehen lässt, erfüllt ihren Zweck nicht.


In den meisten Fällen ist die naheliegende Antwort deshalb auch die richtige. Ein paar ruhige Wochen, ein längerer Urlaub, Abende, die wieder etwas anderem gehören. Danach ist die Kraft zurück, und die nächste Runde lässt sich nehmen. Das ist der Normalfall, und er ist der häufigere. Wer so zurückkommt, hat nichts falsch gemacht und braucht keine weitere Erklärung.


Warum es sich nach zu viel anfühlt, obwohl es das oft nicht ist


Es gibt aber den anderen Fall — den, in dem die Pause für ein paar Wochen hilft und danach alles wieder dort steht, wo es war.


Der Grund liegt darin, dass Erschöpfung nicht nur auf Menge reagiert. Die Arbeitsforschung kennt seit Jahrzehnten Faktoren, die stärker wirken als das Volumen: wie viel eigenen Entscheidungsspielraum jemand bei hoher Anforderung hat [1], ob Einsatz und das, was zurückkommt — Anerkennung, Sicherheit, Aussicht — in einem Verhältnis stehen [2], und ob sich das, was verlangt wird, mit dem vereinbaren lässt, was man vertreten kann [3].


Von innen fühlt sich das alles gleich an — als wäre es schlicht zu viel. Aber „zu viel" ist oft nicht die Menge. Es ist die Form, in der sich ein fehlender Spielraum, ein Missverhältnis oder ein Konflikt bemerkbar macht.


Genau deshalb kann jemand mit einer 60-Stunden-Woche in Ruhe bleiben und jemand mit einer 40-Stunden-Woche zusammenklappen. 

Und genau deshalb greift Erholung hier nicht: Sie füllt Kapazität auf, ändert aber weder Spielraum noch Verhältnis noch Konflikt.


Dass der Körper dabei mitspielt, ist keine Einbildung. Eine dauerhaft aktivierte Stressreaktion erzeugt reale Beschwerden — Schlaf, Kreislauf, Verdauung, Anfälligkeit — auch dann, wenn organisch nichts zu finden ist [4]. Es ist ein System, das nicht mehr in den Ruhemodus zurückfindet. Und Erholung hat ohnehin eine begrenzte Haltbarkeit: In einer Untersuchung an Urlaubsrückkehrern war der Effekt schon nach einer Woche zurück im Arbeitsalltag verschwunden [5]. Ein einzelner Urlaub kann strukturelle Belastung nicht ausgleichen.


Was das nicht automatisch bedeutet


An dieser Stelle fällt schnell ein bestimmtes Wort. Eine Einordnung hilft, bevor es das tut.


Burnout ist in der internationalen Klassifikation der WHO ausdrücklich kein Krankheitsbild, sondern ein Phänomen im beruflichen Kontext. Es umfasst drei Bestandteile: Erschöpfung, eine wachsende innere Distanz zur eigenen Arbeit bis hin zu Zynismus, und das Erleben, nicht mehr wirksam zu sein [6].


Erschöpfung allein ist also ein Drittel davon. 

Wer noch das Gefühl hat, etwas bewirken zu können, und wer die Frage nach der eigenen Lage überhaupt noch stellt, steht davor — nicht mittendrin. Das ist eine Unterscheidung zur Orientierung, keine Feststellung. Die trifft eine ärztliche Praxis, und dorthin gehören auch körperliche Beschwerden, bevor irgendetwas anderes gedeutet wird.


Warum dann auch die richtige Maßnahme nichts ändert


Wenn „zu viel" aber gar nicht die Menge ist, verschiebt sich etwas Entscheidendes. Dann läuft nicht nur die Pause ins Leere — dann läuft jede Maßnahme ins Leere, die die Menge bekämpft.


Irgendwann folgt nämlich eine Handlung. Ein Wechsel, eine Grenze, ein Gespräch über Zuständigkeiten, eine Aufgabe, die abgegeben wird. Nichts davon ist falsch. Es sind vernünftige Schritte, und in vielen Fällen sind sie genau das Richtige. Wichtig ist nur, woraus sie entstehen.


Ein Beispiel: Jemand kommt über Jahre nicht dazu, die eigene Erreichbarkeit und Zuständigkeit zu begrenzen. Absprachen halten nicht, der Bereich wächst weiter, und irgendwann liegt der Wechsel nahe. Er kann die richtige Antwort sein — ein neues Umfeld ordnet vieles neu, was am alten Ort festgefahren war. Nur bleibt die Frage der eigenen Grenzen davon unberührt. Sie taucht an der neuen Stelle wieder auf, meist etwas später und in anderer Form.


Der Unterschied liegt nicht darin, ob gewechselt wird. Er liegt darin, ob man weiß, weshalb. 

Wer erkannt hat, dass die eigene Grenze das Thema war, es am alten Ort versucht hat und dort nicht weitergekommen ist, geht mit offenen Augen — und erkennt das Thema an der neuen Stelle früher wieder. Wer wechselt, um die Erschöpfung hinter sich zu lassen, begegnet ihr dort erneut.


Das erklärt eine Erfahrung, die viele einmal gemacht haben: Der Schritt war richtig, die Erleichterung war echt, und nach einigen Monaten ist derselbe Zustand wieder da. Nicht, weil zu wenig verändert wurde. Sondern weil behandelt wurde, was zu sehen war, und nicht das, was darunter lag.


Was daraus folgt


Der erste Schritt ist deshalb keine Maßnahme, sondern eine Prüfung — und sie liegt eine Ebene tiefer als der Körper. Sie fragt nicht, wie erschöpft jemand ist, sondern was hier seit Monaten mitläuft, ohne je angeschaut worden zu sein. Das ist keine große Lebensfrage. Es ist die schlichte Rückfrage, worauf sich das „zu viel" eigentlich bezieht.


Ist das benannt, verändert sich alles Weitere. Aus einem diffusen Gewicht wird eine Sache mit einem Namen, und zu einer Sache mit Namen gehören Antworten, die zu ihr passen. Erst dann lässt sich beurteilen, ob es um Erholung geht, um eine Grenze, um ein Gespräch — oder tatsächlich um einen Wechsel.


Erschöpfung fühlt sich nach zu viel an. Ob es das ist, entscheidet darüber, was hilft. Und das lässt sich klären, bevor irgendetwas entschieden werden muss.



Quellen

[1] Karasek, R. (1979): Anforderungs-Kontroll-Modell (Job Demand-Control). Zusammenfassend dargestellt in: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Stressreport Deutschland — https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/Gd68.pdf

[2] Siegrist, J. (1996): Modell beruflicher Gratifikationskrisen (Effort-Reward-Imbalance). Ebenfalls dargestellt im BAuA-Stressreport (Link siehe [1])

[3] Maslach, C. & Leiter, M. P.: Wertekonflikt als einer der Bereiche des Arbeitslebens (Areas of Worklife)

[4] McEwen, B. S. (1998): Allostatische Last — dauerhafte Stressaktivierung und ihre körperlichen Folgen. New England Journal of Medicine

[5] de Bloom, J. et al. (2009): Do we recover from vacation? Meta-Analyse zu Urlaubseffekten. Journal of Occupational Health 51(1) — https://doi.org/10.1539/joh.K8004

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