Machtlosigkeit ist kein Mangel an Einfluss, sondern an eigener Richtung
- 13. Juli
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Aktualisiert: 15. Juli
Eine Entscheidung ist gefallen, die man selbst nicht so getroffen hätte. Am nächsten Morgen steht man trotzdem vor dem Team und vertritt sie. Jemand fragt nach dem Warum, und die tragfähigste Begründung, die man hat, ist die, die von oben mitgeliefert wurde. Das Ergebnis wird man verantworten. Über den Weg dorthin wurde woanders entschieden.
Dass Verantwortung und tatsächlicher Einfluss so auseinanderfallen, ist in Führungsrollen keine Ausnahme.
In dem Wort Machtlosigkeit stecken dabei zwei Dinge, die selten auseinandergehalten werden. Das eine ist eine Tatsache: Verantwortung für ein Ergebnis, dessen wesentliche Hebel – Budget, Zeitplan, Besetzung – nicht in der eigenen Hand liegen. Das andere ist ein Zustand: das Erleben, fremdbestimmt zu sein, zuständig für einen Weg, den man nicht selbst gewählt hat.
Die Tatsache ist eher die Regel. Verantwortung und Einfluss decken sich fast nie vollständig. Wäre sie allein die Ursache, müsste sie jede Führungskraft gleich stark treffen. Das tut sie nicht. Dieselbe Ausgangslage lässt den einen nüchtern kalkulieren und zermürbt den anderen.
Der Unterschied liegt nicht in der Lage, sondern im Umgang mit ihr.
Belastend wird sie meist über die Reaktion. Wird die Lücke zwischen Verantwortung und Einfluss als Defizit gelesen, das zu schließen ist, entsteht ein klarer Impuls: mehr Einfluss zu gewinnen. Man sucht das Gespräch mit der Ebene darüber. Man verhandelt den Zuschnitt der eigenen Rolle. Man sieht sich nach anderen Positionen um.
Schon diese Bewegungen setzen etwas voraus, das nicht selbstverständlich ist: dass man sich überhaupt zutraut, die eigene Einschätzung gegen die Ebene darüber zu vertreten. Wem das fehlt, hinterfragt die Entscheidung gar nicht erst – er trägt sie mit und schweigt. Das ist die eine Voraussetzung. Die andere wiegt schwerer: Selbst wer sich das zutraut, kommt mit diesen Bewegungen nur dann irgendwohin, wenn klar ist, wofür er eigentlich eintritt. Fehlt diese Klarheit, geraten sie zu Versuchen, Macht um ihrer selbst willen zurückzuholen – und genau das lässt den Zustand unberührt.
Und genau hier liegt die Annahme, die selten geprüft wird – dass fehlende Befugnis das Problem sei. Was tatsächlich fehlt, ist ein anderes. Eine bessere Position lässt sich nicht erkennen, solange nicht feststeht, wonach überhaupt gesucht wird. Wer das nicht benennen kann, findet auch anderswo keinen Halt. Der Arbeitgeber wechselt, die Kulisse wechselt – die Empfindung zieht mit.
Was im Dauerbetrieb leiser wird, ist selten die fachliche Substanz. Es ist die eigene Richtung: der Maßstab dafür, wofür man steht. Und gemeint ist damit nicht das nächstbeste Ziel, das sich gerade aufdrängt, sondern das, was mit den eigenen Maßstäben übereinstimmt – der Unterschied zwischen einem Ziel und einer Überzeugung.
Sie verschwindet nicht durch eine Entscheidung, sondern durch deren Ausbleiben. Über Jahre folgt der Alltag der nächsten Anforderung, der nächsten Frist, der nächsten Vorgabe. Der Blick bleibt außen, weil außen das Dringende liegt.
Irgendwann ist die Frage, was einen selbst eigentlich leitet, offen. Sie wurde nur selten gestellt.
Der Weg zurück beginnt deshalb nicht bei mehr Einfluss auf andere, sondern an dieser Stelle, die im Betrieb leiser geworden ist. Das ist keine Frage von Macht über die Situation. Es ist die Frage, ob die eigene Richtung wieder klar benannt werden kann – und die lässt sich klären, unabhängig davon, wo die Hebel liegen.
Ist sie wieder da, ändert das zunächst nichts an den Verhältnissen. Die Hebel bleiben, wo sie sind. Was sich ändert, ist der Standpunkt, von dem aus man ihnen begegnet. Dieselbe Entscheidung von oben trifft dann nicht mehr auf jemanden, der sie erleidet, sondern auf jemanden, der weiß, wie er zu ihr steht.
Von dort aus steht mehr als ein Weg offen. Man kann im bestehenden Rahmen bleiben und ihn anders ausfüllen. Man kann den Spielraum nutzen, der real vorhanden ist. Auch dann sucht man das Gespräch mit der Ebene darüber – nur nicht mehr, um Macht einzufordern, sondern um eine eigene Richtung zu vertreten. Oder man geht, dann aber als bewusste Wahl und nicht als Ausweg. In keinem dieser Fälle entscheidet der äußere Schritt. Es entscheidet, woraus er entsteht.
Nicht der Mangel an Einfluss macht machtlos, sondern der Mangel an eigener Richtung. Das Erste lässt sich selten ändern. Das Zweite fast immer.




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